Donnerstag, 10. August 2017

Dieser Blogeintrag ist ausnahmsweise nicht dem Alentejo, sondern den Eltern der Spaziergangswissenschaft (Promenadologie) gewidmet: 

Annemarie und Lucius Burckhardt


Ein paar Aquarelle des gebürtigen Schweizers Lucius Burckhardt (1925 - 2003) werden derzeit noch in Kassel auf der dokumenta14 gezeigt. Obwohl Lucius Burckhardt und seine Frau, die Künstlerin Annemarie (geb. Wackernagel, 1930–2012), sowie Bertram Weißhaar nur wenigen Spezialisten aus dem Bereich Landschaftsplanung und Stadtplanung bekannt sein dürften, haben ihre Arbeit, ihre Fragen, Interventionen und Aktionen von der Gesamthochschule Kassel aus eine große Wirkung in unseren Alltag gezeitigt: In Frankfurt beispielsweise ist die offene Gestaltung des BUGA-Geländes und des Grüngürtels, und auch die Ampelschaltung, die es uns seit ein paar Jahren erlaubt, den Anlagering vom Literaturhaus bis zum Nizza durchgehend unter Bäumen und ohne Abstieg in dunkle gekachelte Unterführungen entlanggehen oder -radeln zu können, dem direkten und indirekten Einfluß der Burckhardts zu verdanken!


Wir erheben also jetzt ein gutes Gläschen mit portugiesischem Wein ihnen zu Ehren und halten kurz inne.

Was ist Spaziergangswissenschaft?

Die Spaziergangswissenschaft ist die Hornisse in der tradierten emsigen Architektur und wabenartigen Stadtentwicklung. Lucius Burckhardt und Annemarie haben die Promenadologie mit ihren Studenten in Kassel als Gegenentwurf gegen das gebaute 'Unbewohnbarkeit' der Städte in den 70er, 80er und 90er Jahren entwickelt.

Vielleicht passt zu ihrer Herangehensweise als Schlagwort die Porosität, ein Zauberwort der Stadtbeschreibung, das von Walter Benjamin, einem der beganadeten Stadt-Spaziergänger des 20. Jahrhunderts, verwendet wurde.

Es geht im Gegensatz zur Planung fester Zuordnungen der Nutzung städtischer oder ländlicher Räume um das bewußte Durchlässigkeit, und das Offenlassen für die Nutzer. Es geht um den Wechsel des Blickwinkels. Es geht um die Poesie des Gehens. Es geht um Fragen statt um Antworten.
Was ist Landschaft? Was macht eine Straße lebendig, warum ist eine andere Straße trotz vielen Verkehrs wie tot? Ist Landschaft schön? Warum?

Ausgehend von soziologischen Fragen zu Urbanismus haben die Burckhardts das Gehen zu Fuß ins Zentrum der Erkenntnisgewinnung gestellt und den Menschen, wenn er denn will, wieder aus der dem blechernen Projektil Auto befreit.
Außerdem gehörten sie zu den Leuten, für die ein 'Denken für sich alleine' nicht viel taugt, sie befanden sich immer aktiv im Dialog mit anderen, Studenten, Freunden, großen und kleinen Gruppen. Nachdenken und Erkenntnis war für sie eine gelebte kollektive Tätigkeit, wie es aus einer anderen Weltecke der Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka als essenziell für seine Produktion beschreibt.

Papoilas á beira do caminho - Mohnblumen am Wegrand

Meine Alentejo-Reisen mit marmello sind freilich auch von der Philosophie der Promenadologen und vom Cloudspotting inspiriert.

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