Montag, 23. April 2018

89 Jahre "Borda de Agua"


Dieser portugiesische Almanach, der seit fast 90 Jahren jährlich erscheint, ist ein wahres Kompendium des wirklich notwendigen Wissens im Alltag. Von den zum Monat passenden Edelsteinen über Kurz-Horoskope bis zu den tatsächlichen Planetenkonstellationen hat Borda de Agua alles in übersichtlicher Form, dazu bewährte Wetterregeln und Bauernweisheiten, und die Mondphasen.

Es sage keine, sie brauche die Mondphasen nicht! Beispielsweise für die Planung eines Besuchs in einem Observatorium, da stört der helle Vollmond sehr, ein abnehmender Mond und der Neumond hingegen sind gute Termine für die nächtliche Sternbeobachtung. Wirtinnen sind auch froh, wenn sie sich rechtzeitig mit der Bevorratung mit Alkoholika auf eine Vollmondnacht einstellen können.


Astrologie und Astronomie sind in diesem Almanach aufs Schönste vereint. Johannes Kepler hätte seine klammheimliche Freude daran!

Aber es sind auch die Zeiten von Ebbe und Flut eingetragen, und die kann man ja nun wirklich brauchen, oder? Im Sommer, am Meer ... wie weit auf den Strand kann ich das Zelt stellen? Ist Euch noch nie das Handtuch und mehr von einer unerwartet höheren Welle bei Flut geklaut worden?

Sämtliche Tage des Jahres sind im Almanach mit ihrem katholischen Heiligennamen gelistet, dazu kommt ihre Benennung z.B. als Europäischer Tag der Logopädie (06.03.) oder des Fahrrads (03.06.) oder als internationaler Tag des Lächelns am 28.4. und Weltnichtrauchertag (31.05.).  Geburtstage wie der von Gustave Flaubert 12.12. (1821)  mit dem Kommentar "leia a Madame Bovary" ("Lest Madame Bovary!") oder der Todestag von Calouste Gulbenkian 20.06.(1955) finden ebenso Erwähnung wie die lokalen städtischen Feiertage in Portugal. Und die Hinweise auf Wochenmärkte machen die Sache für den Alltag noch praktischer.

Nehmen wir den 26.04., da heißt es: Tag des Hl. Pedro de Rates (ein portugiesischen Bischof, der wahrscheinlich um 800 lebte, der Legende nach aber schon 40-60 n.Chr. zusammen mit Santiago, dem berühmten Heiligen Jakob, nach Portugal kam) * Internationaler Tag der Erinnerung an das Unglück in Tschernobl * Städtischer Feiertag in Belmonte.  Bleiben noch Fragen offen? Nein.

Nie mehr wird der geneigte Leser, die Leserin orientierungslos durch das Jahr stolpern müssen. Kirche, Planeten, Europa und die Welt geben Halt.

Und dann, Leute, gibt es noch die praktischen monatlichen Hinweise für den Land- und Gartenbau: Wer das famose "Brave Old World" des aktiven Nichtstuers Tom Hodgkinson gelesen hat, erfreut sich an diesen Tipps und weiß sie zu schätzen. Monatstipps für den Ackerbau sind seit Cato fester Bestandteil der europäischen Kalender-Literaturen. Hier wird die Tradition ganz unprätentiös lebendig gehalten.

So viel Information in alten Lettern auf wenigen Seiten, die man nach dem Kauf noch selber aufschneiden muß. Wunderbar! Nur schade, daß Borda de Agua bis auf ein kleines Jupiter-Foto auf der Rückseite nicht farbig ist und keine Bilder hat.

#Marmello-Reisen wünscht dem tapferen Minerva-Team herzlich weitere 911 Jahre Bestehen!





Montag, 26. Februar 2018

A Feira do Queijo - die Käse-Messe in Serpa

Ovelha alentejana - alentejanisches Schaf

Käsemesse in Serpa




Dies Jahr konnte ich zum ersten Mal nicht direkt dabei sein: bei der kleinen + feinen Käsemesse in Serpa, die gerade an diesem Wochenende vom 23.02. bis 25.02.2018 stattfindet (Programm)

Fast jedes der alentejanischen Städtchen und Dörfer hat mittlerweile zusätzlich zum traditionellen Fest des Stadtheiligen und zur Kirchweih eine thematische Feira, "Feira de Cogumelo", do "Peixe do Rio", da Caça, da Castanha (Pilz-, Flußfisch-, Jagd und Kastanien-Messe); das muss eine von Europa geförderte Veranstaltungsform sein, die im Alentejo sehr grassiert, die aber auch immer wieder neue Einblicke ins Landleben und neue Kontakte ermöglicht.

An der Käsemesse zu Serpa ist alles gut gelungen, sie hat die richtige Größe, sie hat kein absurdes Thema, sondern sie gruppiert die Veranstaltungen um den speziellen DOP-Serpa-Schafskäse herum, dessen Qualität und Besonderheit tatsächlich nicht genug gefördert und bekannt gemacht werden kann! Und die Feira do Queijo hat ein bemerkenswertes Kulturprogramm auch mit Initiativen für Kinder. Und dann beteiligen sich zahlreiche alentejanische Chorgruppen mit ihrem von der UNESCO als immateriellem Kulturerbe klassifizierten A-Capella-Gesang, sodass auch des Kennenlernen dieser verschiedenen Grupos Corais ein guter Grund zum Besuch dieser Messe ist!.

Doch zurück zum Käse: Queijo de Serpa DOP ist ein reiner Schafsmilchkäse. Die Milch wird weder mit echtem Lab, noch mit industriell gefertigtem Ersatzlab zum Gerinnen gebracht, sondern mit einem Absud von Cardo. Das ist eine Artischockenverwandte, die ich als Laie eher als lila Distel bezeichnen würde. Sie blüht im Juni/Juli, die violetten Blütenblätter werden gesammelt und getrocknet, eine daraus gebrühte „infusão“ muss wie die Milch 27° bis 32° C warm sein, manche sprechen auch von bis zu 34° haben, dann wird sie der ebenso warmen Milch zugegeben, und es beginnt der Gerinnungsprozess, ohne den nie einen Käse geben würde.



Auf der Messe dürfen auch die "Kleinen" mitarbeiten
Es gibt diese spezielle Tradition der Käsezubereitung seit mindestens 2500 Jahren. Die Römer beschrieben beide Formen der Käseherstellung, die mit Cardo und die mit Lab, einem Enzym aus dem Magen jüngster Kälber, es genügt, den getockneten kleinen Magen - wie ein Lederbeutelchen - ein paar Minuten in die erwärmte Milch zu tauchen, und die Gerinnung setzt ein, das ledrige Teil kann danach trocknen und wieder verwendet werden. Es heißt, dass die nach der Zerstörung des Tempels sich über das römische Reich zerstreuten antiken Juden die Technik mit Cardo nach Iberien mitbrachten, da Speisegesetze es ihnen verboten, Milch und Fleisch zu mischen*).
In der mittelportugiesischen Bergregion Serra de Estrela gibt es auch diese Sorte Käse und auch in der Estremadura (in Aracena), in Las Hurdes (wer erinnert sich noch an den Film von Buñuel?), in Cáceres der Käse 'Casar de Cáceres', und auf Gran Canária "Flor de Guia". Vielleicht stimmt der Hinweis mit der 'jüdischen Herkunft' des Rezepts, denn alle diese Regionen sind sehr abgelegen, dort hätte sich eine von der Norm abweichende Käseherstellung, die Rückschlüsse auf den nicht korrekten katholischen Glauben erlaubt, unentdeckt halten können. Mit den spanischen Suchworten queso, cardo und cuajo (Gerinnung) kann man sich jedenfalls vor der nächsten Spanienfahrt auf die Suche machen, wenn man es nicht bis nach Serpa in den Alentejo schafft.

Mit 'unserer' Karden-Distel hat der Cardo außer seiner Namensähnlichkeit nicht so viel zu tun, die blüht zwar auch blaulila, aber hinterlässt längliche Kolben mit Widerhaken-Haaren, die zum Kämmen und Aufrauhen von feiner Wolle verwendet wurde. Je nach Wetter, Jahr und Gegend wechselt die Qualität der  Cardo-Blüten, für 100 l Milch werden 30 g bis 50 g Cardo benötigt. Kosteten die Blütenblätter im Jahr 2008 noch 25 €, so sind heute mindestens 50 € pro Kilo zu zahlen.

Guckt beim Kauf von Käse in Portugal auf die Inhaltsstoffe: da darf nur leite cru (Rohmilch), sal e cardo stehen, dann habt Ihr genau diesen echt vegetarischen Käse ohne jede "Chemie". Das Gerinnungsmittel Cardo gibt dem Käse einen feinen bitteren Geschmack, selbst bei sehr jungen Käsesorten. Die älteren Sorten sind innen wie buttrig ("amanteigado"). Man kann so einen handgroßen Käselaib oben aufschneiden, die Schale wie einen Deckel abnehmen und dann den Käse löffeln, wenn er noch geschmeidig ist.

Vila Nova Sao Bento, Serpa 2017
Ceifeiras de Pias, Serpa 2017


*) siehe: "Quesos de flor de cardo en la Península Ibérica" by Janet, published auf: www.thefoodiestories.com 15/07/2016 London. Hier wird verwiesen auf: Heft 2 (2002) der Zeitschrift Gastronomica, the Journal of Food and Culture (California Press)

Weitere Informationen - auf portugiesisch - gibt's im Buch "Queijo Serpa - um Património a Preservar" von Carlos Manuel Varela Bettencourt, Cristina Maria dos Santos Conceicao Pinheiro et. alt., Edicao: Rota do Guadiana, Dez 2008

Samstag, 17. Februar 2018

as monoculturas

Ein neues, fundamentales Problem im Baixo Alentejo sind die riesigen Monokulturen.
Der Bloco da Esquerda (BE) macht sie in einem ersten Kongress auf Distriktsebene heute, am 18.02.2018 zum Thema: as monoculturas

Zu diesem Thema gibt es eine excellente Audio-Reportage, sowie zur Kehrseite der Monokulturen, der modernen Sklaverei im 21. Jahrhundert, eine Sendung im "Jornal da Tarde" (RTP). Und auch auf SIC gab es auch eine Reportage über die illegalen Landarbeiter auf den großen Plantagen.

Es werden teilnehmen: Cláudio Torres, der engagierte Archäologe der "Vila Museu" Mértola*), Maria Manuel Rolo und auch Catarina Martins, Vorsitzende des BE

Was hat das mit uns, den Konsumenten in Mitteleuropa zu tun?
Hier wird ein bestehender Olival mit schönen ca 50jährigen Bäumen gerodet, um Platz zu machen für die modernste Variante: das Anpflanzen von maschinell erntbaren Oliven-büschen in 50 cm-Abstand
Wir sehen die schönen grünen Plantagen und denken, oh der Alentejo sieht ja gar nicht mehr so verbrannt aus - tatsächlich sind die Weizenfelder fast verschwunden und mit ihnen die Ödnis der abgeernteten Stoppelfelder, die von Juli bis zum Pflügen im November die planície dourada, die goldene Ebene, prägten. Jetzt ist die Ebene grün - olivgrün. Ah das sind ja Bäume, denkt mer beim ersten Hinschauen, und Bäume, das ist gut, erst später fällt auf, es sind nur Bäume, alles die gleiche Sorte, und neuerdings auch viele nur in Spalier-busch-Größe. Zwischen den Reihen wächst - nichts! auch nciht nach einem Regentag, der sonst das Land zartfrün schimmern ließ. Was wir manchmal noch finden, ist glyphosat-resistentes Kraut. Und auch die Vögel verschwinden. Schon beschweren sich die Jäger (!).

Sie werden in 50 cm Abstand gepflanzt
Neue Plantagen mit Olivenbüschen, im 2. Jahr

Wer hingegen gutes Olivenöl will, muß auch als Konsument gegen die Dumpingpreise durch Ausbeutung kämpfen. Es sind dieselben Firmen, die großzügig mit Pesticiden und Glyphosat sprühen, und knauserig sind mit der Bezahlung der Erntearbeiter. Diese neuen Hyper-Latifundien umfassen oft mehr als 20 der ehemals schon großen Landbesitztümer. Dort entstehen unkontrollierte hybride Welten, die nichts mehr zu tun haben mit den Dörfern und Städtchen ringsum.

Es ist für kleinere Bio-Betriebe ein ungeheuer zeitraubender Aufwand, die Zertifizierer während des Erntestresses im Werk alles durchstöbern zu lassen, es sind genaue Prüfungen. Und ich habe mich deshalb immer gefragt, wie es die größeren Firmen hinbekommen, ihren Anbau als "bio" stempeln zu lassen, wenn sie doch augenscheinlich immer sprühen und düngen. Die wirklich Großen freilich können sich eine Abteilung leisten, die in der Lage ist, die nötige komplette parallele Legende für den Nachweis biologischer Landwirtschaft zusammenzustellen mit den "richtigen" Daten und Mengen des Ausbringens der erlaubten Substanzen.

Uralter Ölbaum - Oliveira centenal: So alt dürfen die "Jungen" nie mehr werden...

*) Cláudio Torres hat zum Entsetzen fast der gesamten Intelligenzia des Baixo Alentejo verhindert, daß ein riesiger Hotelkomplex auf dem der Stadt Mértola gegenüberliegenden Guadiana-Ufer gebaut wird. Sein Argument: solcher Tourismus hat mit Mértola und seinen Einwohnern nichts mehr zu tun, er macht mehr Umsatz, aber davon bleibt nichts im Ort hängen, der zu einem Freiluftzoo für die besucher wird - im Gegensatz zu jetzt, wo es nicht für alles Schilder gibt, wo die Besucher einzeln kommen und keine "Heuschrecken" sein können, und sowohl beim Spazierengehen wie beim Übernachten (kleine Pensionen und airbnb) mit den Einheimischen direkt in Kontakt kommen.




Samstag, 30. Dezember 2017

Castelo de Beja


Jedes der Städtchen und Dörfer des Alentejo hat im Cante Alentejano eine Hymne. Die von Beja bezieht sich auf seine Burg (Castelo) und den Bergfried (Lidador) dieser Burg, der wirklich einen wunderbar weiten Rundblick bis Vidigueira, Moura und Serpa erlaubt.


O meu coração                Mein Herz, oh
Anda adivinhando           es klopft und fürchtet
Que há-de morrer cedo    ich müßte früh sterben
Que há-de morrer cedo    und wüßte nicht wann.
Mas não sabe quando


Castelo de Beja                 Du Burg von Beja
Subindo lá vai                   ragst stolz hinauf
Tu metes inveja                 Du machst die Adler
Castelo de Beja                 da oben neidisch
Às águias reais


Às águias reais                Die Königsadler
Tu metes inveja               die machst Du neidisch
Subindo lá vai                  ragst stolz hinauf
Subindo lá vai               
Du, Burg von Beja
Castelo de Beja   

Se eu tivesse amores   Wenn ich Frauen hätt'   Que me têm dado        ein ganzes Haus tät ich,
Enchia uma casa        
bis hinauf zum Dach,
Enchia uma casa         füllen mit Kindern
Até ao telhado
           

Castelo de Beja
Subindo lá vai
Tu metes inveja
Castelo de Beja
Às águias reais
Às águias reais
Tu metes inveja
Subindo lá vai
Subindo lá vai

Castelo de Beja
Porta do Castelo -Eingangstor

Eu hei de ir, hei de ir.      Jetzt muß ich gehn

Eu hei de ir andando.      fort muß ich ziehen
Tu hás de ficar,                Und Du mußt bleiben
Tu hás de ficar,                und weinst zuhaus'
Em casa chorando.

Castelo de Beja,
Subindo lá vais.
Tu metes inveja,
Castelo de Beja,
Às Águias reais.

Às Águias reais,
Tu metes inveja.
Subindo lá vais,
Subindo lá vais,

Castelo de Beja.



Minha terra é Beja,           Meine Heimal ist Beja
Não posso negar.              so einfach ist das
Todos me conhecem,        und alle kennen mich
Todos me conhecem,        durch meinen Gesang                       
Pelo meu cantar.                          
                                                            
....an jedem Stein
Steinmetz-Zeichen...
Eine Besonderheit im Lidador von Beja sind seine Steinmetz-Zeichen:An jedem Stein hat der Handwerker, der ihn behauen hat, seine jeweilige Signatur hinterlassen, Besonders  in den Innenräumen und in der Wendeltreppe bei schräg stehendem Licht kann man diese Zeichen sehen und ertasten.


Neben seiner Eigenschaft, der höchste Burgturm Portugals zu sein, prägen den Lidador de Beja seine klassische Eleganz und seine besondere Masse: er hat 44m Höhe und 44m Umfang. Dieser elegante Turm macht tatsächlich den Königsadler neidisch, wie es im Lied heißt.


 #bejamerece+ #fritzis.marmello.reisen

Mit Marmello-Reisen steigen sie zu seiner höchsten Brustwehr, und vielleicht gibt es auch einen nächtlichen Besuch?


castelodebeja noite bejamerece+

Samstag, 25. November 2017

Das Denkmal für den unbekannten politischen Gefangenen in Beja

Foto: André Boto (2007) für Postkartenserie ©ADP Beja

O Monumento ao Preso Politico Desconhecido em Beja



den Schriftstellern Ahmet und Mehmet Altan gewidmet
und den vielen unbekannten politischen Gefangenen in der Türkei.
 

Mein Liebling unter meinen Lieblingsskulpturen steht in Beja: O Monumento ao Preso Politico Desconhecido: Das "Denkmal für den unbekannten politischen Gefangenen" von Jorge Vieira.


Jorge Vieira wurde 1922 in Lissabon geboren. Seine Jugendzeit war in Portugal geprägt von einer großen Wertschätzung für Künstler, das Secretariado de Propaganda Nacional förderte mit Blick auf die Wahrnehmung Portugals im Ausland die einheimischen Künstler großzügig. Vieira kann Kurse bei Henry Moore an der Slade School of London  besuchen und beendete seine akademische Ausbildung schließlich an der Escola Superior de Belas Artes in Lissabon.

Jorge Vieira arbeitete vor allem mit den Materialien Eisen und Terracotta. Es gibt übermannshohe Werke von ihm, aber auch Miniaturen, Vorzeichnungen und auch eigenständige grafische Werke, die faszinieren. 

In den fünfziger Jahren erhält Vieira die "Ehrenhafte Nennung" ("menção honorosa") beim Wettbewerb zum Thema "Monument für einen unbekannten politischen Gefangenen"- Die prämierte Skulptur wird in der Tate Gallery ausgestellt und auch auf der Kunstbiennale in São Paulo. Danach verschwindet sie Skulptur aus der Öffentlichkeit.
Detail

1964 wird dem Künstler aus politischen Gründen die Erziehungserlaubnis entzogen. Vieira zieht in die Provinz und entdeckt den Alentejo.
Von dieser sehr ländlichen Region und seinen Menschen begeistert, vermacht Jorge Vieira schon zu seinen Lebzeiten sein Werk der Stadt Beja im unteren Alentejo, die, wie er selber sagte, "zweite Heimat" wurde.

Das Denkmal für den unbekannten politischen Gefangenen wird - endlich - 1994 in Beja öffentlich aufgestellt: Auf dem zentralen großen Verkehrsrondell am Stadteingang wird die Skulptur eingeweiht und begrüßt dort alle Besucher aus Lissabon und Évora.
Auf diesem Verkehrskreisel mußte Vieiras Skulptur mittlerweile einem grottenhäßliches Betonmöbel weichen, das der Airbase Beja gewidmet ist.

Jetzt steht das Denkmal auf dem Platz vor dem als Pousada genutzten ehemaligen Convento São Francisco.
.. immer wieder bedroht!
In der Rua do Touro 33 in der Altstadt von Beja befindet sich seit 1995 das sehr sehenswerte keine Museu Jorge Vieira, das vor allem seine Arbeiten in Terrakotta vereint.

Für die EXPO Lissabon 1998 hat Jorge Vieira noch einige witzige Figuren wie den Homem-Sol und Schattenmuster für den Parque de Naçoes entwerfen können, bevor er 1998 in Évora starb.

In der Casa dos Bicos, dem Haus für Leben und Werk des Schriftstellers José Saramago in Lissabon, ist eine besonders schöne Büste Vieiras von Saramago zu sehen.  Dieser Link zeigt den Portraitkopf, umarmt von Saramagos Lebensgefährtin, der Journalitin Pilar del Rio.

Im Alentejo stehen weitere öffentliche Werke: Monumento à Liberdade in Grandola, Escultura in Redondo und Monumento ao Mineiro in Aljustrel.



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ADP Associação Defesa do Patrimonio, Beja: www.adpbeja.pt 
Beja merece +!
 
Fotograf André Boto: www.andreboto.com












Samstag, 11. November 2017

Bolotas - Eicheln





Bolotas: Eicheln schmecken fast so gut wie Maroni!


Wer jetzt im Oktober und November im Alentejo unterwegs ist, braucht nicht viel an Picknick mitzunehmen. Wir laufen durch die 'Montados', die hiesigen Eichenmischwälder, und müssen uns hin und wieder bücken, klauben uns ein paar glatte Eicheln oder vier oder fünf auf, beissen die Spitze ab um zu kosten, ob die Eichel zu bitter ist (eine solche läßt man liegen) und knabbern die milderen, nachdem wir sie geschält haben, wie eine "Nuß".
Gestern hab ich mit den Kindern Eicheln gesammelt und gegessen, nun, also jaja, die Kinder haben mehr gesammelt, und ich mehr gegessen ...

Wem die Bitterstoffe auch bei den milden hiesigen Sorten zu stark sind, der schäle die Eicheln und wässere sie wie Stockfisch in immer wieder frisch gewechseltem Wasser, bis das Wasser klar bleibt: danach kann die Nuß statt Kartoffeln mit in den Eintopf, oder sie wird getrocknet, um Eichelmehl daraus zu gewinnen. Im Museum von Barrancos habe ich eine alte Eichelmühle gesehen.



Man kann also durchaus mehr daraus machen, als den Erzählungen der deutschen Großmütter aus dem letzten Weltkrieg zu entnehmen ist, als Eicheln geröstet wurden, um einen Ersatzkaffee daraus zuzubereiten.

Gerüchte und Vorurteile sagen, Eicheln seien giftig. Nun, bei sehr gierigem Verzehr von hunderten Eicheln mag die Wirkung nicht so gesund sein. Aber gerade die Bitterstoffe halten uns ja vom übermäßigen Verzehr ab!
Die Eiche ist eben ein "heiliger Baum" aus uralten Zeiten, nicht weil die germanische Flagge auf ihm wächst, sondern, weil er Laub gibt als Matratzenfüllung, Holz zum Hüttenbau und eben die Eicheln als glutenfreies Nahrungsmittel mit pflanzlichen Proteinen.

Heute werden Eicheln gern indirekt, durch den Magen des hiesigen schwarzen Schweinchens gegessen: das Schwarze Schwein, Porco Preto, eine kleine dunkelgraue Schweinerasse aus dem Alentejo und der Estremadura Spaniens, wird zur Mast in lichte Steineichenwälder (Montados) getrieben. Montados gibt es nur noch in den Hügeln am Ende der Welt, auf der linken Seite des Guadiana, der Margem Esquerda, dort, wo das Land zu steil und zu unfruchtbar ist für den modernen intensiven Anbau.

Die kleine feine Marmeladenfabrik "Doces Candeias" in Vila Nova São Bento hat aus diesem uralten Nahrungsmittel einen wunderbaren modernen Brotaufstrich entwickelt: "Doce de Bolota", aus Eichelmehl köstlich verfeinert mit ein bißchen Kokos und einem Hauch Schokolade.



Reisen mit Marmello führen durch die Landschaft der Montados des Baixo Alentejo und wir besuchen gern auch diese Marmeladenmanufaktur!



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PS.: Wer Interesse an Eichelmehl und neuen wie alten Produkten aus Eicheln hat, kann sich an einen Bio-Hof im Landkreis Montemor-o-Novo (Mittlerer Alentejo) wenden, dessen hier abgebildete Paté de Bolota ist köstlich: herdadedofreixodomeio.com






Montag, 30. Oktober 2017

#medronho

m e d r o n h o


ahhh ja, Medronho! Der stärkste Schnaps Europas. Er wird aus den Früchten des Erdbeerbaums gebrannt. Jetzt blüht er wieder, der Medronheiro!


Der Erdbeerbaum ist ein seltsamer zwei bis etwa drei Meter hoher buschiger immergrüner Strauch, der das Jahr über unscheinbar bleibt, aber dann ab Mitte Oktober bis Mitte Februar gleichzeitig blüht und Früchte trägt.   Mit den Heidekrautgewächsen ("Erika") ist er verwandt. Arbutus unedo, wie der "westliche Erdbeerbaum" botanisch heißt, wächst in der Serra zwischen Algarve und Alentejo, aber laut Karten auf der gesamten iberischen Halbinsel außer in deren Zentrum, an der Küste Süditaliens, auf Sardinien und Sizilien, in Griechenland ...

#Medronho: Feira de Medronho Sao Barnabé
Die Blüten ähneln denen von Heidelbeeren, die Früchte sind kugelrund, erst weißlich-gelb, dann gelb-orange und zum Schluß erdbeerrot und haben etwa 2 cm Durchmesser. Das sieht sehr, sehr hübsch aus im Winter!

Die Früchte müssen in der Erntezeit sorgfältig abgeerntet werden, die Leute der Serra gehen jeden dritten Tag zu den Bäumen ihrer Gegend hin und holen die frisch gereiften. 




Es gibt viele Gerüchte um den Medronho, es soll recht gefährlich sein ihn zu trinken. Auch von den Früchten des Erdbeerbaums soll mer lieber nur ganz wenige probieren, heißt es. Sie gären sehr schnell, und können vielleicht schon im Bauch Alkohol produzieren?
Man muß aber deshalb jedoch nicht auf Medronho aus großen industriellen Schnapsfabriken ausweichen, um sicher zu sein. Ich rate davon sogar ab, denn - der schmeckt nicht. Das ist wie bei Wacholderschnaps. Wenn man Gin mal aus artesanaler Produktion gekostet hat, nimmt man zum pur Trinken nur noch diesen und den anderen nur noch für Mischgetränke mit Coca-Cola.

Ich selber kaufe von kleinen Distillerien aus der Serra, deren Produkte in lokalen Cafés oder in den Artesanato-Läden von Mértola oder Alcoutim angeboten werden, auch in Almodôvar gibt es sehr guten Medronho und, natürlich, im "Museo de Medronho". Diese Flaschen haben Etiketten mit dem Namen der Produzenten, der Seriennummer des Brands etc. 









Im Alentejo gibt es jetzt auch ein Museum über diesen Strauch des westlichen Mittelmeerraums: Das Museum in Alqueva ist ein privates Museum und liegt am Rand von Alqueva, dem Dorf, nach dem der größte Stausee Europas heißt. Dort habe ich erfahren, daß auch auf Sizilien und in Griechenland Schnaps wie der portugiesische Medronho gebrannt wird. In Italien soll es den Brauch gegeben haben, Kindern die Früchten als "Bonbon" zu Neujahr oder Dreikönig zu geben. Man kann diese "Erdbeeren", die auch auf einigen Bildern von Hieronymus Bosch dargestellt sind, eben auch undestilliert essen!

Dies Museum in Alqueva brennt seinen Medronho aus den Früchten von extra gezüchteten Pflanzen von der Herdade de Monte Santos, zu dem das Museum gehört. Man kann sich den Keller mit dem Lager und den riesigen Edelstahl-Brennkesseln anschauen. Die Früchte werden dauernd chemisch überwacht und kommen von kontrollierten identischen Pflanzen ihrer Baumschule. Es gibt dort in der loja neben Medronho-Schnaps auch Likör vom Erdbeerbaum und für Abstinenzler Marmelade von seinen Früchten. 
#Medronho artesanal, aus kleinen Destillen
Manchmal findet man auf Märkten oder im 'Continente' auch Medronho-Honig, der ist etwa so bitter wie unser Kastanienhonig.


Yo, saúde (Prost) ... und zum Schluß das Wort eines Großdichters:

Der Erdbeerbaum blüht jetzt wieder, indem seine letzten Früchte reif werden, und ebenso zeigt sich der Orangenbaum mit Blüthen, halb und ganz reifen Früchten ..... Über die Cypresse, den respectabelsten Baum, wenn er recht alt und gut gewachsen ist, gibt's genug zu denken. ...
Überhaupt ist mit dem neuen Leben, das einem nachdenkenden Menschen die Betrachtung eines neuen Landes gewährt, nichts zu vergleichen. Ob ich immer gleich noch derselbe bin, so mein' ich bis aufs innerste Knochenmark verändert zu seyn."


Im Baixo Alentejo wachsen sie gerne auf magerem Boden
Verbreitungsgebiet Medronheiros laut Karte im Museu do Medronho





















Dies schrieb Johann Wolfgang Goethe am 2. Dezember 1786, über seine Spaziergänge bei Rom.
Wer hätte gedacht, daß ich je ein Goethewort fände, das als Motto für meine Marmello-Reisen passt!

                                                                                                  Fritzi, 29.Oktober 2017